Das Wien des Fin de siècle: Freud, literarische Stammtische und Sezession. Honorige Männer üben sich in «innerem Schauen», in Sexual-Yoga und Sexual-Magie. Ein Industrieller gründet einen geheimnisvollen Orden. Josef Dvorak blendet zurück.

Im zweiten Kapitel von «Mac Ecks’ sonderbare Reisen zwischen Konstantinopel und San Francisco» (Stuttgart 1901), das den «mystischen Besuch» bei der «Zauberin» H.P.B. (d.i. Helena Petrowna Blavatsky, die Gründerin der Theosophie) schildert, lässt Ludwig Hevesi den Buchhelden von dessen «Freund X.» berichten, «den hervorragenden Techniker und Fabrikleiter zu H., der so lange um den Erdball herum war». Dieser habe auf einer Reise nach London («wegen einer unaufschiebbaren Patentsache») den Kapitän eines Fährschiffes über den Ärmelkanal überredet, trotz eines starken Sturmes in See zu stechen. Doch: «Es ist schauderhaft. Das Schiff scheint verloren. Mein Freund sitzt mit seinem Gefährten in der Kabine auf dem Fussboden, halb im Wasser, die Gegenstände fliegen ihnen um die Köpfe. Es hat den Anschein, dass man in den nächsten Augenblicken zu Grunde gehen werde. Er ist ein alter Ozeanfahrer und kennt das. Nur einmal öffnet mein Freund die Lippen und sagt halb ärgerlich, halb resigniert: ‹Wieder ein Karma verpatzt›. Und Hevesi lässt Mac Eck die Leser belehren: «Karma heissen, wie Sie wissen, bei den Buddhisten die Umwandlungen, in denen der Mensch sein Leben durch die Jahrtausende lebt, um sich immer vollkommener auszuleben.»

Ludwig Hevesi war einer der bedeutendsten Feuilletonisten des Wiener Fin de siècle, ideologischer Inspirator und Chronist der Wiener Sezession. Hinter dem «Nickname» Mac Eck verbirgt sich Friedrich Eckstein, Polyhistor und enger Freund Sigmund Freuds, der vom Blavatsky-Mitarbeiter Franz Hartmann in die Theosophie eingeführt worden war und dieses Wissen etwas unwillig an den in Wien studierenden Rudolf Steiner weitergegeben hatte. Gustav Meyrink nannte seinen Freund Mac Eck einen «alten Rosenkreuzer». Sir Galahad (Helen Diner = Bertha Diener), Ecksteins Ehefrau, entwickelte sich mit Büchern wie «Die Kegelschnitte Gottes», «Im Palast des Minos» und «Mütter und Amazonen» zu einer von Kurt Tucholsky und Thomas Mann geschätzten Autorin. Ecksteins literarische Stammtische (z.B. im Café Imperial, zweiter Saal, links) wurden u.a. von Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Felix Salten, Hugo Wolf, Anton Bruckner, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel, Rainer Maria Rilke, Robert Musil, Adolf Loos und Leo Trotzki frequentiert.

Für die Entwicklung der Psychoanalyse war die hartnäckige Hysterie von Mac Ecks Schwester Emma wichtig (Freuds Traum von «Irmas Injektion», die katastrophale Nasenoperation durch Freuds Freund Wilhelm Fliess). Seine Leibniz-Studie veröffentlichte Eckstein 1931 im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, nachdem im Jahr zuvor der von Storfer herausgegebene «Almanach der Psychoanalyse» Mac Ecks Aufsatz «Das Unbewusste, die Vererbung und das Gedächtnis im Lichte der mathematischen Wissenschaft» abgedruckt hatte.

Ebenfalls 1930 war Friedrich Eckstein von Freud (wie dessen Tochter Anna versicherte) anonym in «Das Unbehagen in der Kultur» zitiert worden – in einer Passage über Yoga. Freud beruft sich darin auf einen seiner Freunde, «den ein unstillbarer Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experimenten getrieben und endlich zum Allwisser gemacht hat.» Dieser habe ihm «versichert, dass man in den Yogapraktiken durch Abwendung von der Aussenwelt, durch Bindung der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, durch besondere Weisen der Atmung tatsächlich neue Empfindungen und Allgemeingefühle in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu uralten, längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen will. Er sieht in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunklen Modifikationen des Seelenlebens, wie Trance und Ekstase, lägen hier nahe.» Freud, dem es «sehr beschwerlich» war, mit «kaum fassbaren Grössen» wie «ozeanisches Gefühl», d.h. «Eins-Sein mit dem All» zu «arbeiten», «drängte es» jedoch, abschliessend «auch einmal mit den Worten des Schillerschen Tauchers auszurufen: Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht.» Dass Friedrich Eckstein als Yoga-Experte auftreten konnte, hängt mit seiner hohen Stellung in der Theosophie zusammen (seit Juni 1886 war er im Besitz der Charter für die Wiener Loge, unterzeichnet noch von H.P.B. persönlich).

Auch Mac Ecks Freund Gustav Meyrink übte sich gewissenhaft in dieser Disziplin. Dessen theosophische Karriere begann im September 1892 in Wien bei einem Treffen mit dem Adyar-Generalsekretär Mead, währte jedoch nur einige Monate. Als Eingeweihter in die «Eastern School of Theosophy» (= die «Esoteric Section») erhielt Meyrink von H.P.B.s Nachfolgerin Annie Besant Lehrbriefe über Yoga. Im Dezember desselben Jahres wurde er auch in einen französischen Okkultorden aufgenommen, und im Jänner 1893 begann sein Kontakt zu dem «Alten und Primitiven» Freimaurerritus «Memphis-Misraim», der einige Jahre später den organisatorischen Rahmen für den O.T.O. (Ordo Templis Orientis) abgeben sollte. Meyrink korrespondierte mit dem Oberhaupt des Ritus, John Yarker, der ihn mit den Schriften von Pascal Beverly Randolph bekanntmachte. Dieser war Gründer der «Eulis Brotherhood», eines sexualmagischen Zirkels in der «Hermetic Brotherhood of Luxor», von der sich der O.T.O. herleitete. Über Vermittlung der Eulis-Brüder erhielt Meyrink von Randolphs Witwe, einer «Negerin in Ohio, nebst anderen Schriften» und einem magischen «schwarzen Spiegel – einem sogenannten indischen ‹Battah›-Spiegel» – auch das Manuskript von Randolphs Rosenkreuzer-Roman «Dhoula Bel», den er übersetzte und Jahre später (1922) in Wien veröffentlichte.

Ende 1893 hatte er Verbindung zu William W. Westcott, dem Höchsten Magus der Societas Rosicruciana in Anglia (und Mitglied des «Hermetic Order of the Golden Dawn», aus dem Aleister Crowley hervorgehen sollte, des innersten Kreises der Theosophie, seit 1884 auch Ehrenmitglied der Hermetischen Gesellschaft von Anna Kingsford und Edward Maitland). Als einer der sieben «Arch Censors» bekam Meyrink den spirituellen und mystischen Namen «Kama». 1895 übersandte ihm ein anderer Okkultorden aus Manchester einen weiteren Namen («Theaverel», d.h. «I go; I seek; I find») zusammen mit einem Ritual, das ihn «face to face with terrible realities» bringen sollte. 1897 kam noch ein dritter Name hinzu: Meyrink war nun auch «Bruder Dagobert, Minerval des Illuminatenordens».

Die ihm von den diversen Geheimgesellschaften vorgeschriebenen Übungen liessen Meyrink «das Leben eines beinahe Wahnsinnigen führen». In «Die Verwandlung des Blutes» beklagt er sich bitter: «Ich lebte nur von Vegetabilien, schlief kaum mehr, ‹genoss› zweimal täglich je einen in der Suppe aufgelösten Esslöffel voll Gummi arabicum (dies wurde mir behufs Erweckung astralen Hellsehens von einem französischen okkultistischen Orden wärmstens empfohlen), machte Nacht für Nacht acht Stunden lang Asanaübungen (asiatische Sitzstellungen mit untergeschlagenen Beinen), dabei den Atem anhaltend, bis ich Todesrütteln empfand.» Angenehmer verliefen da seine Hellsehversuche unter dem Einfluss von echt indischem Haschisch (die aus der Apotheke beschaffte Droge war wirkungslos). Trotz anfänglichen Misserfolges praktizierte Meyrink lebenslang «Yoga, dieses seltsame tiefsinnige Erziehungssystem der Asiaten», das nach seinem Urteil «allein den Zugang zum Übermenschen bildet und nicht die philosophischen Theorien der Denker und Weisen.» Und anders als Sigmund Freud sah er darin einen Pfad «von Aufwachen zu Aufwachen».

In dem Roman «Das grüne Gesicht» schreibt Meyrink: «Wach sein ist alles. Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, dass du’s schon bist. Nein, du schläfst und träumst. Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: jetzt bin ich wach!» Diese «Hochtrance», von dem Autor als ein Aufwachen aus den Tagträumen des Normalbewusstseins erlebt, steigerte sich schliesslich bis zu spontanen Visionen. In Prag am Ufer der Moldau erfuhr er eines Nachts das «innere Schauen»: Zugleich mit dem Wachheitsgefühl wich ein kreisrundes Stück Himmel zurück, und es war, als begänne «eine Laterna magica ihr Spiel». Eine riesige Uhr war zu sehen – sie zeigte die richtige Zeit, dann kamen geometrische Formen. Ursache dieser Fähigkeit war nach Meyrinks Meinung eine Verlangsamung des Herzschlags: «Ich hatte dabei das wunderbare Gefühl, eine Hand hielte mein Herz fest.»

Ähnlich wie Meyrink übte sich auch Mac Ecks mysteriöser «Freund X.» im «inneren Schauen» – um seinen früheren Inkarnationen begegnen zu können. Es handelt sich um den O.T.O.-Gründer Carl August Kellner, einen Berufskollegen Ecksteins. Kellner (der «Fabriksleiter in H.») war Mitbesitzer und Direktor der Papierfabrik in Hallein bei Salzburg, Eckstein hatte die Pergamentfabrik seines Vaters inWien geerbt. Beide Männer hatten Erfindungen auf dem Gebiet der Papierchemie patentieren lassen. Aber ihr eigentliches Interesse galt dem Spirituellen. Beide sind von Franz Hartmann in die Theosophie eingeführt worden und waren von der Yogalehre fasziniert.

Kellner wurde am 8. September 1850 in Wien geboren, er war also viel älter als der am 17. Februar 1861 in Perchtoldsdorf bei Wien geborene Eckstein. Carl Kellner war in einem Wiener Privatlabor zum Chemiker ausgebildet worden. Von den Biographen behauptete Studien in Wien, Paris und Strassburg konnten ebensowenig nachgewiesen werden, wie eine Promotion zum Doktor der Philosophie. Diesen Titel führte Kellner von 1895 an. Merkwürdigerweise hatte in diesem Jahr ein anderer Carl Kellner in Strassburg seine Inaugural-Dissertation «Über eine Absorptionserscheinung in einigen sehr verdünnten wässerigen Säure- und Alkalilösungen bei Gegenwart von Platinmohr» veröffentlicht, ein Thema, das auch in die Interessengebiete unseres Carl Kellner fiel.

Mit 23 Jahren (1873) entdeckte Kellner durch Zufall, dass beim Kochen von Holz in Sulfitlösung Zellstoff entsteht. Dieser die Papierindustrie revolutionierende «Sulfit-Zellulose-Prozess» wurde vom Görzer Papierfabrikanten Eugen Hektor Freiherr Ritter von Záhony, einem Abgeordneten zum Österreichischen Reichsrat, übernommen und 1882 als «System Ritter-Kellner» patentiert. Sieben Jahre später gründeten Kellner, der Engländer Edward Partington und der Norweger Oscar Pedersen die «Kellner-Partington Papiergesellschaft» mit einem Kapital von 930 000 Pfund. Die Papierfabrik in Hallein bei Salzburg wurde gebaut. Sie produziert (und verpestet die Umwelt) seit 1898 und ist heute mit umgerechnet 400 Millionen Schweizer Franken verschuldet. Die 1904 in St. Magdalen bei Villach errichtete Zellstoff-Fabrik hat vor einigen Jahren pleitiert, sehr zur Erholung der Natur. Kellner hatte diese Umweltbombe bereits im März 1888 in Görz in einem an internationale Interessenten verschickten «Promemoria» projektiert. Sein Ziel war es, durch eine Kooperation der Kärntner Forstwirtschaft mit der nordamerikanischen Industrie «den Weltmarkt für Zellulose zu beherrschen». Die Gestehungskosten bezifferte er mit «lediglich» 3 Millionen Gulden (das wären heute etwa 40 Millionen Franken), und er versprach eine «Superdividende» von 52,5 Prozent.

Carl Kellner machte auch zahlreiche Erfindungen auf dem damals neuen Gebiet der Elektrochemie (elektrolytische Erzeugung von Chlor und Ätznatron) und besass Industriebeteiligungen in Europa und Übersee. In seinem grossen Wiener Labor betrieb er mit kompetenten, darunter akademischen, Fachkräften die Erfindung von Quecksilberdampflampen, die Entwicklung bisher unbekannter Metall-Legierungen und die Erzeugung künstlicher Edelsteine.

Zu hohe Investitionen für das Halleiner Werk (bedingt durch die Kosten der Salzachregulierung) und der Vorwurf mangelnden Geschäftssinnes (verbunden mit aufwendigem Lebenswandel) führten zur Absetzung Kellners als Konzernchef. Deshalb verliess er 1903 endgültig Hallein, besorgte sich von John Yarker die «Ehrengeneralgrossmeister»-Charter des «Memphis-Misraim»-Ritus (ausgestellt am 27. Dezember, dem Fest Johannes Evangelist) und zog sich zur Yoga-Praxis in die 1902 projektierte «Villa Hochwart» seiner Frau Marie Antoinette im Wiener Nobelbezirk Döbling zurück. Dieses Haus war der erste Tempel des ebenfalls 1902 von Kellner gegründeten Ordo Templi Orientis.

Am 24. April 1902 hatte Kellner die «hohe kaiserliche Akademie der Wissenschaften zu Wien» von der Erzeugung eines neuen Elementes mit dem Atomgewicht 100 benachrichtigt, dem er aus patriotischen Gründen den Namen «Austrium (At)» geben wollte. Sein Irrglaube war das Resultat «alchemistischer» Versuche (seit 1896) unter hohem Druck und elektrischer Hochspannung. Bereits 1881 hatte Kellner in einer leider verschollenen Schrift seine Ansichten über «Die Entstehung der Arten im Anorganischen» dargelegt. Ein im Oktober 1896 der Akademie der Wissenschaften zur hundertjährigen Aufbewahrung übergebenes, unlängst entsiegeltes Manuskript «Experimenteller Beweis über die Verwandelbarkeit der sogenannten Grundstoffe» befasst sich jedoch ebenfalls mit diesem Thema. Materie und Energie verhalten sich demnach wie elektrischer Strom von geringer Spannung, aber grosser Intensität zu einem solchen von hoher Spannung mit sehr geringer Intensität. «Stoffe sind in verschiedenen Zuständen erstarrte Energie», ihre Erstarrung kommt durch eine «Kreuzung von verschiedenen Modifikationen der Energie» zustande. So ist z.B. «der Schwefel eine tieferliegende Modifikation des Phosphors, und eine andere das Selen», bedingt durch «das Verhältnis zwischen Spannung und Intensität». Da es sich dabei um eine «Veränderung der Ladung der Ionen» handeln dürfte, müssten sich auch Elemente durch «Umladen» umwandeln lassen.

Etwas erfolgreicher war Kellners Abstecher in die Pharmazie. Mit Hartmann entwickelte er – unter Verwendung von Flüssigkeiten aus der Papierfabrik – das Lignosulfit-Inhalationsverfahren gegen Tuberkulose und Keuchhusten. Franz Hartmann selbst leitete diese Therapie im Halleiner Sanatorium Lahmann, wo auch Gustav Meyrink kurte.

In der «Villa Hochwart» allerdings alchemierte Kellner nur das «Lebenselixier» – auf tantrische Weise. Und für seine Kinder engagierte er einen Fitness-Trainer: Jagendorfer, den «stärksten Mann von Wien». Welchem Zweck das von Max Fabiani, Kompagnon von Otto Wagner, Atman-Philosoph und Kellners Freund aus der Görzer Zeit, entworfene Haus dienen sollte, konnte man an den von Wilhelm Hejda, Gründungsmitglied der Sezessionskonkurrenz Hagenbund, ausgeführten Dachaufsätzen erkennen: assyrische Sphingen an den Ecken, die Tierkreissymbole rund um das Observatorium, der bärtige «Baphomet» der Templer in der Mitte. Eine Allegorie des menschlichen Geistes, der Sonne und Mond an sich kettet, sie im Hatha-Yoga verbindet. Im Tarot heisst dieselbe Figur «Der Teufel» (XV. Trumpf). Er vereint Männliches und Weibliches sexuell. Dass es genau darum geht, zeigt die viersaitige Phorminx unter dem bärtigen Haupt. Sie scheint im gezeichneten Plan des Architekten noch nicht auf und soll Shivas Vina bzw. die Harfe Kalis darstellen. Darunter sieben kreisrunde Scheiben: Töne, Planeten, Farben, Prinzipien im Menschen, Bestandteile des Lebenselixiers.

In einem handschriftlichen Protokoll, betitelt «Reincarnation» (hinzugefügt sind die Ziffer 3 und die Buchstaben «en» des Plurals) gibt uns Kellner Einblick in eine seiner Visualisationen. Wenn Asana stetig und der Atem gezügelt ist, erscheint spontan eine azurne Flamme, in die sich sein Ich hineinbegibt. Dann schaut er in der Zeit zurück und sieht sich, bekleidet mit einem gelben Mantel, auf dem Kopf eine nach vorne gebogene Mütze, in einer der grossartigen Sternennächte Chaldäas, im alten Babylon. Seine Frau (schlank, doch auch üppig geformt) ist in glitzernde Seidenstoffe gehüllt. Er ist Priester, «ein Diener der Schamaja», und steigt auf den Turm, um der Gottheit Feuer zu opfern. Dieses Feuer aber ist identisch mit dem Licht der Sterne, der Sonne, seines Lebens, allen Lebens, des Lebens der Brüder und Schwestern. Er spricht den alten Segen auf Aramäisch. Der Morgen dämmert. Im O.T.O. hiess Kellner «Frater Renatus», der Wiedergeborene. In anderen früheren Inkarnationen ist er auch ein Schüler Platons und ein Athlet gewesen. Gustav Meyrink ist sich selbst einmal als annamitischer Wasserträger erschienen. Anschliessend konnte er sogar Aktienkurse richtig voraussehen, freilich nicht seine eigenen.

Kellners Meditationen dürften jedoch nicht immer gut verlaufen sein. So beklagte er sich bei Hartmann: «Endlich habe ich das gefunden, wonach ich mein Leben lang gestrebt habe. Ich mache meine Übungen, komme ein wenig in die Höhe und purzle dann um so tiefer wieder hinab. Ich fürchte die hütenden Scharen.» Hartmanns Kommentar dazu: Es sei seinem Freund ergangen «wie dem Ikarus, von dem die Mythe erzählt, dass er versucht habe, mit wächsernen Flügeln zur Sonne empor zu steigen. Aber die Flügel schmolzen und er fiel.» Die Abstürze beim Aufstieg zum Feueropfer beziehen sich auf das Ordensgeheimnis des O.T.O., auf Sexual-Yoga und Sexual-Magie: die Energie wird aus dem Organ zunächst bis zum Solarplexus «hinaufgezogen» (Vajroli) und dort willentlich gespeichert, bis sie weiter «transmutiert» werden kann. Dabei wird der Yogi zum Visionär. Voraussetzung ist die parallele Beherrschung von Gedanken, Atem und Samen (Hatha-Yoga-Pradipika III, 83; III, 99; IV, 28).

Kellners Protokoll und seine Klagen zitieren auch Bulwer-Lyttons Okkultroman «Zanoni», eine Hauptquelle (neben Randolphs «Magia Sexualis» und der phallizistischen Rosenkreuzer-Interpretation Hargrave Jennings) für Lehre und Praxis der «Hermetic Brotherhood of Luxor», die Kellner im O.T.O. weitertradierte. Er identifizierte sich mit der Romanfigur Glyndon. Dieser, «an aspirant to the stars that shine in the Shemajá of the Chaldaean lore», repräsentiert «unsustained aspiration»: «When on the point of perishing, he is rescued by idealism; and, unable to rise to that species of existence, is grateful to be replunged into the region of the familiar, and takes up his rest henceforth in custom.» Und seine Angst vor den «hütenden Scharen» ist als Reaktion auf die Perhorreszierung zu verstehen, denen Hatha Yoga (im Gegensatz zu Raja Yoga) und Vamamarga von seiten der Theosophen, darunter sogar (obwohl O.T.O.-General-Grossadministrator) Franz Hartmann, ausgesetzt war.

Gustav Meyrink empörte sich über die Unehrlichkeit jener, die über Lotuszentren und Kundalini so schrecklich geheimnisvoll tun: «Und damit man ja nicht darauf käme, wo Bartel den Most holt, wurde im selben Atem mit allen Gesten des Abscheus vor einer in Asien existierenden Sekte gewarnt, die in Indien Tantrikas heisst. Selbst für den Teufel seien diese Tantrikas noch zu schlecht. Apage Satanas!» Doch auch Meyrink übte herbe Kritik an den «Fakiren» und «Schamanen» des Hatha Yoga, wobei er Kellners Gurus nicht verschonte: den «unverwundbaren Oberkellner Hadji Soliman ben Aissa aus Lyon», der sich von «harmlosen Würfelnattern» in die Zunge beissen liess, «Pratapa, der in Budapest» seinen Atem zwei Stunden lang anhielt, und den «schwindelhaften» Brahmanen Agamya, der «in Wien und Berlin den Schlag seines Herzens und zugleich auch die Logik und Wahrheitsliebe der Zeitungsberichterstatter zum Stillstand» brachte. Letzterer, ein Missionar des Paramanu(=Atom)-Yoga, hatte sich seinerseits mit Kellner wegen dessen Bemühungen um das Lebenselixier überworfen. Und holte sich im September 1910 von Sam Hardy (Col. Fuller) in Crowleys «The Equinox» einen höhnischen Verriss.

Carl Kellner konnte sich seiner Befreiung von der Fabriksleitung nicht lange erfreuen. Wohl als Folge eines Laborunfalls erkrankte er, verbrachte mit seiner Frau das Jahr 1904 in Ägypten, wo er Crowley hätte treffen können, und starb einen Monat nach seiner Rückkehr am 7. Juni 1905 um 1 Uhr früh an einem Herzanfall, nachdem er sich noch selbst Kampfer gespritzt hatte. Einige Jahre nach einem pompösen Erdbegräbnis wurde sein Leichnam exhumiert und gemäss der Ordenstradition in München eingeäschert. Wichtigstes Detail an dem 1907 von Wilhelm Hejda geschaffenen Ehrengrab in Hallein ist ausser zwei anbetenden Thronengeln und dem Behang (Templerkreuz mit der Flamme im Triangel, Jachin und Boaz als Obelisken) die Ikone des O.T.O.-Marienkultes: eine Madonna (Isis, Maya) in der Mandorla (=Yoni), vor sich einen nackten Knaben mit ausgebreiteten Armen, d.h. in «bogomilischer» Positur. Sie repräsentiert das «ewig Weibliche», von dem das Selbst, der Lingam zur Entfaltung gebracht wird.

Nachbemerkung: Seit Crowleys O.T.O.-Beitritt werden die bis dahin nur verteufelten Riten dieses Ordens ausdrücklich als satanistisch eingestuft. Satanismus in der Nachfolge von LaVeys kalifornischer Church (sie hängt über Kenneth Anger mit dem O.T.O. zusammen) lehnt jedoch Yoga ab, weil er Ich-Auflösung und Verschmelzung nicht akzeptieren will. Ein Missverständnis, da ja eine Bewusstseinserweiterung erreicht werden soll. 666, die Zahl der grossen apokalyptischen Bestie, bedeutet kabbalistisch sowohl die strahlende Sonne als auch, dass Mann mal Frau ein einziger Mensch sind. Und Jungfrau mit Sohn stehen (so Crowleys «Frater Achad») in Set-typhonischer Tradition.

Erschienen in TANTRA Nr. 2, Juli 1994.

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