Wir haben fleissig meditiert, neuro- und eurolinguistisch programmiert, kopuliert, imaginiert, wir haben diskutiert und diskutiert und diskutiert, wir haben recherchiert, formuliert und sorgfältig redigiert. Und hier ist sie, die neueste Nummer unserer Zeitschrift TANTRA. Ihr "focus"-Thema wird Sie interessieren: "Sex-Magie". Beachten Sie bitte auch die "Bücher-Szene".

Wir haben uns auf eine nicht ganz einfache Materie eingelassen. Materie? Am Anfang war das Wort bzw. die Frage: Welches Wort, welcher Begriff? "Sexualmagie"? "Sexuelle Magie"? "Sex-Magie"? Umso einfacher dagegen die Antwort auf die Frage: Was ist SM? Ist es doch wie bei der Magie selbst: Jeder und jede hat eigenste Wünsche und Ideen – und so und nicht anders soll es sein. Wie im Himmel, wo die Luftschlösser gebaut werden, so auf Erden.

Dann wird es wieder anspruchsvoller: Was hat SM mit Sex und mit Magie zu tun? Und was mit Tantra? Vergleichen Sie dazu unsere Seite "Sex-Magie"!

Vieles ist zu kurz gekommen, musste fragmentarisch bleiben. Was in der Natur der Sache liegt. Fast völlig unbeachtet geblieben ist beispielsweise der Berliner Michael D. Eschner, der seinen sexualmagischen Tätigkeiten verdankt, dass er wegen Vergewaltigung in den Knast gewandert ist, wo er, glaube ich, heute noch sitzt – stimmt es übrigens, dass er eine Reinkarnation von Ihnen ist, wie er behauptet? Oder die Abtei Thelema im Schweizerischen Appenzell, im ehemaligen Gasthaus "Rose", fast zwangsläufig als Sitz nicht nur von O.T.O. und Ecclesia Gnostica Catholica, sondern auch der Fraternitas Rosicruciana Antiqua, zudem eine hübsche Hommage an Ihre erste Frau Rose (ausserdem ist im Namen das Wort "Eros" versteckt). Auch der Monte Verità bei Ascona, auf dem Sie selbst – für mich merkwürdigerweise – zwar nie zu Gast waren, wo aber vom 15. bis 25. August 1917 ein O.T.O.-Kongress stattgefunden hat: Höhepunkt war ein dreiteiliges Sonnenfest, an dem Mary Wigman und Sophie Taeuber mitgewirkt haben, im Publikum Hans Arp – Dada auf Betriebsausflug. Thelema und Monte Verità, zwei Themen, bei denen wir gerne "unsere" Geschichte der SM etwas genauer erforscht hätten.

Dabei sind selbstverständlich auch Sie zu kurz gekommen, Ihre Kletterpartien im Berner Oberland und im Wallis, Ihre Ferien in St. Moritz, besonders der Aufenthalt im November und Dezember 1911, als Sie Ihre Suite im Palace Hotel standesgemäss in einen Tempel verwandelt haben und Ab-ul-Diz durch Mary d’Esté Sturges, Soror Virakam, eine Freundin von Isadora Duncan, Ihnen befohlen hat, das "Book Four" über Magie und Yoga zu schreiben.

Eine andere Sache ist, dass wir uns gerne auch kritisch mit der SM auseinandergesetzt hätten. Aber wo anfangen? Vor allem: Wo aufhören? Den Titel für den Text, hätte ich allerdings schon gehabt: "Let’s talk about Freud".

1912 und 1913 – 1912 sind Sie von Theodor Reuss in den O.T.O. eingeweiht worden, im Jahr darauf waren Sie mit den von Ihnen produzierten Ragged Ragtime Girls in London und Moskau –, 1912 und 1913 also gab Freud eine Artikelfolge unter dem Titel "Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" heraus, 1913 erschienen die vier Teile in Buchform als "Totem und Tabu". Darin gibt Freud eine einfache Erklärung für das Funktionieren von Magie: "Die Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, sind leicht zu erkennen, es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun bloss anzunehmen, dass der primitive Mensch ein grossartiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche hat. Im Grund muss all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur darum geschehen, weil er es so will." Gewissermassen der Prototyp Ihres legendären "Tu, was du willst, sei das ganze Gesetz".

Interessant ist Freuds Versuch, die "Hochschätzung der psychischen Aktionen – die wir von unserem Standpunkt aus eine Überschätzung heissen – bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung zum Narzissmus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück desselben aufzufassen." Dabei spielt die Sexualität selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Freud: "Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Masse sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in der Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein beträchtliches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, andererseits wird durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidinöser Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzissmus, Allmacht der Gedanken."

Es hätten die Welt- und Wahnsysteme, in denen nur die "neurotische Währung" (Freud) gilt, als Voraussetzung oder Folge des Glaubens an die Magie zur Sprache kommen können. Die in der Esoterik bis zum Exzess gehuldigte Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt, verbunden, gekoppelt ist. Auch im Tantra, das gerne als "Gewebe" übersetzt wird. Gewiss, wir leben in einer Welt von Netzen und Netzwerken, vorab elektronischen, die der totalen Unterhaltung, dem totalen Kommerz und der totalen Überwachung dienen. Gerade ihnen verdanken wir aber auch die alltägliche Erfahrung zunehmender Beliebigkeit, Austauschbarkeit, Zusammenhangslosigkeit, Auflösung, Sinnlosigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Es muss wohl Magie sein, wenn da noch etwas hilft!

Über Freud lässt sich streiten. Was den Zusammenhang von Magie und Narzissmus betrifft, wird er so falsch allerdings nicht liegen. Allein schon das haben sie gemeinsam: Beide haben Konjunktur. "Magie" und "Image" – ein schönes Buchstabenspiel.

In diesem Zusammenhang hätte ein Hinweis auf das radikale Verdikt des Bioenergetikers Alexander Lowen in seinem Buch "Narzissmus" nicht geschadet, und wäre es auch nur gewesen, um die Leser und Leserinnen hier & jetzt wieder aufzuwecken. Lowen über das Bedürfnis, sich mit dem Kosmos, einer universalen Kraft oder einer Gottheit eins fühlen zu wollen: "Nach meiner Meinung ist dieses Sich-Einlassen auf das Mystische ein narzisstisches Manöver, was sich an dem Umstand zeigt, dass viele von diesen Menschen sich als der gewöhnlichen Menschheit überlegen betrachten, die sich mit den weltlichen Problemen des Lebens herumschlägt."

Lowens Gedanke zu Ende gedacht: das Eintauchen, das Verschmelzen, das Aufgehen im All, das Einswerden mit Gott, manchmal sogar mit der Göttin, der ganze psycho-spirituelle Zauber, der sich um Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung dreht – nichts anderes als gepflegter Narzissmus und florierendes Merchandising. Das Ich die Spiegelkugel, um die das Universum tanzt. Auf der Ebene der SM: ein flotter Dreier mit Es und Ich und Über-Ich. Ein gewisser Mr. Crowley hat das so formuliert: "ES GIBT KEINEN GOTT AUSSER DEM MENSCHEN." Und der andere Gott, den es nicht gibt, hat schliesslich auch nichts anderes getan, als den Menschen nach seinem Bilde zu schaffen.

Narzissmus kann das Funktionieren von Magie erklären. Magie ist aber auch das ideale Instrument für Narzissten, Narzisstinnen, ihre Sucht nach (Selbst-)Bestätigung, Bewunderung, Prestige und Macht zu befriedigen. Sie verspricht die Beziehungen, Statussymbole und Positionen, die sie als erfolgreich kennzeichnen. Dazu kommt, dass sie dies alles selber schaffen, indem sie innere Bilder, also Teile von sich selbst, nach aussen projizieren, äussere Realität werden lassen. Anders: ihre Umwelt ist ihr Spiegelbild. Und als Sammlung von Trophäen sexueller und geistiger Potenz ein Grund mehr zur Bewunderung.

Magie ist, wenn sie funktioniert. Aber das ist vielleicht bloss die schönste Nebensache. Ganz abgesehen davon, dass ihr der Erfolg immer sicher ist, weil er sich jeder Kontrolle entzieht. Jedenfalls vermute ich, dass die magische Operation selbst genauso, wenn nicht sogar wichtiger ist als ihr Ergebnis: Wer als Eingeweihter oder Eingeweihte über das entsprechende Wissen und Können verfügt, muss etwas Besonderes sein. Die Psychoanalytikerin Andrea Gysling ("Der grenzenlose Mann"): "Der Narzisst macht nichts um der Sache willen, er macht alles nur um der Bewunderung willen."

Spieglein, Spieglein im ganzen Land. Spiegelkabinettstückchen. Spiegelbilder. Bilder, Bilder, Bilder und Bilder von Bildern. Und noch ein Freud-Zitat: "In der Kunst allein kommt es noch vor, dass ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der Befriedigung Ähnliches macht und dass dieses Spielen – dank der künstlerischen Illusion – Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas Reales." Davon ist in Magie-Kreisen selten die Rede, vor lauter Geist und Materie: den Gefühlen! In dieses Kapitel gehört auch ein Stichwort, das ausgerechnet Freud noch hat "übersehen" müssen: Therapie.

Aber längst ist alles eins, einerlei. Alles ist Therapie. Alles ist Kunst. Alles ist Spiel. Alles ist Entertainment. Und alles vermischt sich mit allem. Therapie und Kunst und Spiel und Entertainment. Und Medien. Und Werbung und Marketing (Titel eines Buchs, das kürzlich erschienen ist: "Die Magie des power selling"). Mit Multimedia ist die Simulation zum Ernstfall geworden. Meine These: Magie ist "handgestrickte" virtuelle Wirklichkeit – ohne Hand anlegen zu müssen. Und Cyber-Sex-Magic? Ein höhere Form des Mindfuck, ein Mega-Mindfuck. Ein Mind-GAU.

Viel Spass bei der Lektüre wünscht Ihnen Edi Goetschel

P.S.

Noch eine Frage. Sie selbst nehmen in Ihrer Biografie "Confessions" zweimal direkt Bezug auf Freud und die letzten Worte von "Totem und Tabu": "Im Anfang war die Tat." Klar, dass Freud auf Goethes Faust anspielt, der darüber sinniert, wie er das griechische "logos", bei Johannes Ursprung und Motor der Schöpfung, übersetzen soll. Trotzdem. Können Sie mir etwas mehr darüber verraten, was Sie mit "grossartiger Satz" gemeint haben?

Erschienen in TANTRA Nr. 2, Juli 1994.