Advaita Maria Bach über ihre Zeit als Schülerin von Adorno und Anhängerin von Osho

Damals, im Jahre 1967 wurde in Hessen gerade der Beginn des Schuljahres umgestellt von Ostern auf den Herbst. Ich hatte in der Oberprima 139 Tage gefehlt und hätte sie aus disziplinarischen Gründen fast wiederholen müssen. So sehr interessierten mich Parties und Männer und auch der Konsum einiger bewusstseinsverändernder Substanzen und so wenig die Schule, die ich als «Instrument des Establishments» verstand. Allerdings waren mein Deutsch- und der Philosophielehrer eine Ausnahme – sie waren progressiv. Das kritische Denken war Teil ihres Unterrichts. Da das verehrte Lehrerkollegium der Ansicht war, dass meine weitere Anwesenheit auf der Schule vielleicht die jungen Männer des nächsten Jahrgangs verderben würde, bekam ich meinen Abschluss und durfte auf die Universität nach Frankfurt.

Der berühmte Theodor Wiesengrund Adorno war mein Professor im Fach Soziologie, Alexander Mitscherlich in der Psychologie. Es waren wilde Jahre – in jeder Hinsicht. An der Frankfurter Uni war der reguläre Studienbetrieb in den beiden Fächern Soziologie und Politologie so gut wie ausser Kraft gesetzt. Ständig gab es Teach-Ins, das heisst, grosse Versammlungen, in denen wir uns Mühe gaben, den «Muff aus den Talaren» zu vertreiben, zu diskutieren, zu demonstrieren, gegen das Kapital, gegen den Krieg, gegen sexuelle Unterdrückung, gegen das Establishment, gegen die Polizei – «Haut die Bullen flach wie Stullen, in den Betten sind sie Nullen!» ¬#150;, gegen die neurotische Kleinfamilie, gegen die Unterdrückung der Frau. Ich war Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS, demonstrierte mit Genossen und Genossinnen, warf Steine auf Banken, hörte mir viele Reden an, druckte nachts Flugblätter, fand die Zeitschrift «konkret» supergeil und war andauernd, wie die anderen auch, mit allem beschäftigt, was die Zeiten so umtrieb.

Allerdings geriet meine geniesserische Seite schnell in Konflikt mit meinem politischen Engagement. Denn bei der studentischen Linken galten Freizeitbeschäftigungen wie Sex und Rockkonzerte, der Genuss des heiligen Krauts und jeglicher Selbstfindungstrip als «bourgeois».

So sagte mir zum Beispiel bei einem erotischen Abenteuer ein Anarchist/Leninist: «Wenn wir jetzt vögeln, dann ist das ein gesellschaftlicher Akt!» Das gefiel mir und meinem jugendlichen weiblichen Narzissmus gar nicht. «Na, du steckst aber deinen ganz persönlichen Schwanz in meine ganz persönliche Muschi!», sagte ich. «Du bourgeoise Zicke!», war seine Antwort, woraufhin ich meinte, er möge sich selbst begatten, mich anzog und seine lieblos gestaltete Behausung verliess. In den linken Frauengruppen fühlte ich mich bald auch nicht mehr heimisch, weil ich mich persönlich in keinster Weise unterdrückt fühlte – kam ich doch aus einer Familie mit drei Frauen und nur einem Mann, meinem Vater, der oft ächzte unter der «weiblichen Vorherrschaft von Tampons und BHs». Auch war sexuell mit den linken Genossen nicht viel anzufangen – die Beschäftigung mit «Geschlechtswerkzeugen» erschien ihnen als allzu privat.

Nach einer Weile hatte ich einfach auch Lust zu studieren, meine Scheine zu machen und eben genau das zu tun, wofür ich an die Universität gegangen war. So kam es, dass ich dann immer öfter in der Universitätsbibliothek anzutreffen war – oft der einzige Ort, an dem Studium möglich war, wurden doch die Seminare, die noch stattfanden, dauernd von Demonstrierenden gestört.

Mehr Zeit für Sex und Liebe

Nach einigen Bekanntschaften mit Polizeiknüppeln, mehrfach knapp einer Verhaftung entgangen, tendierte ich mehr und mehr zu den anderen Aussenseitern jener Zeit und ihren Idealen, die doch sehr viel sanftmütiger waren: den Hippies, ihrem Guru Timothy Leary, der freien Liebe. Die hatten mehr Zeit für Sex und Liebe, manchmal schien es, als sei es das einzige, was sie interessierte. Eher unpolitisch, für Evolution statt Revolution, gaben wir uns Träumen hin von einer sexuell befreiten Gesellschaft, von einer friedlichen Welt, dem Wachsen der universellen Liebe aller Menschen zueinander. Damals war ich sexuell äusserst aktiv, polygam, wenn nicht nymphoman, und macht eine Menge Erfahrungen mit Männern meiner Altersklasse – sowohl mit Hippies als auch mit Genossen, die ganz gelegentlich doch auch bereit waren zu so einer unpolitischen Tätigkeit wie Sex.

Die romantische Liebe und der Zwist zwischen Polygamie und Monogamie, zwischen Freiheit und Bindung, sollte mich erst später ereilen. Zwischen allen Stühlen sitzend war es auch eine sehr verwirrende Zeit, bei der mir meine Eltern nicht helfen konnten mit irgendeiner Orientierung – auch meine Schwester nicht, die sehr rigide und karrierebewusst Jura studierte.

Ich folgte meinem Instinkt – übergehe jetzt hier die nächsten zwölf Jahre Ehen und Kinder, Abenteuer, Auslandsaufenthalte – und landete in der «Selbstfindungsecke» bei Osho und den Sannyasins am ersten Festival in Oregon 1982.

Bis dahin hatte ich Sexualität und Liebe in jeder nur denkbaren Form gelebt: Bürgerliche Ehen, aber auch erotische Exzesse oder charmante One-Night-Stands und kleine Affären – keine Variante des Beziehungslebens war mir fremd. Ich war 32 Jahre alt, in einer tiefen Identitätskrise, wusste nicht mehr, wo ich meinen Platz finden sollte. Dort, in Oregon, nahm ich Sannyas, lernte etwas später in Kalifornien Margot Anand Naslednikov kennen, landete beim Tantra, das meinen Lebensweg bis heute zutiefst beeinflussen sollte.

Damals, 1982, vor der AIDS-Hysterie, war das sexuelle Leben der Sannyasins äusserst locker, immer offen für alles, was geschehen konnte. Osho war noch «Sex-Guru», jede Nacht tönte aus den Zelten in der Wüste Oregons unendliches Lustgestöhn. Ich stürzte mich kopfüber in das vielfältige Angebot an attraktiven Männern, erlebte viel Lustvolles, Lustiges, auch Schräges. Das alte Poona habe ich persönlich nicht miterlebt, wusste aber von einer sehr guten Freundin, dass es da noch wilder zu- und hergegangen sein soll. Sie erzählte mir, dass sie einmal aus einer jener alten, wüsten Encounter-Gruppen kam mit einem gebrochenen Nasenbein, blauen Flecken am ganzen Körper und Tripper! Damals gab es beispielsweise auch die Regel noch nicht, dass die Gruppenleitung keinen Sex mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen haben sollte – alle vögelten wild durcheinander: Gruppenleitung, Teilnehmer und Teilnehmerinnen, Assistenten und Assistentinnen – auch mit Gewalt ging man nicht gerade zimperlich um.

Das war allerdings in den Siebzigern – heute undenkbar! Osho war damals noch der Meinung, dass alles, wirklich alles, recht ist, um die Menschen aus ihrer Erstarrung zu lösen. Heute haben wir dazu gelernt – aber wir sind auch viel gebremster.

Kurz nach dem Festival zog ich in eine Hundertleute-Kommune mit dreissig Kindern im Schloss Wolfsbrunnen in der Nähe der Zonengrenze, die damals noch existierte. Unsere Kommune hiess «Rajneeshstadt» obwohl wir keine Stadt waren im üblichen Wortsinn. Das Schloss Wolfsbrunnen, so um die neunzig Jahre alt, das Geschenk eines Industriebarons an seine Tochter, war unsere «Stadt». Das Schloss war sehr renovierungsbedürftig, deshalb hatten wir es preiswert erwerben können. Die Reparaturen, vor allem am Dach und an den endlos vielen Fenstern, kosteten zahllose Arbeitsstunden. Margot residierte in einem Turm des Schlosses, der genau sieben Fenster hatte. Die Stimmung dort war magisch – aber sehr zugig!

Wenn abends Kundalini war, lagen bei der Ruhephase hundert Leute zusammen und bald nach dem Gong ergaben sich sexuelle Betätigungen mal hier, mal da, sie läuteten die erotischen Abend- und Nachtaktivitäten ein, teilweise in grossen Gruppenschlafräumen, die «Tantratempel» genannt wurden. Wir lebten alle grundsätzlich sexuell sehr offen und aktiv, man gestand verliebten Paaren kaum die Laune zu, vielleicht für eine Weile nur miteinander sein zu wollen. Die ganze Stimmung war noch vom sexuellen Aufbruch der Sechziger bestimmt, wir alle, keineswegs nur die Tantriker und Tantrikerinnen, waren munter und meistens auch vergnügt dabei. Natürlich gab es auch die Schatten der freien Liebe – Eifersucht und Geschlechtskrankheiten. Aber im Grossen und Ganzen waren wir überzeugt, dass das der zukunftsweisende sexuelle Lebensstil wäre. Ganz nebenbei gingen auch einige junge Frauen in die Peep-Shows in Frankfurt oder in anderen Grossstädten, um Geld für die Kommune zu verdienen – da fand niemand was dabei!

Im Tantra-Turm, bei Margot, wo die Staff wohnte, war auch einiges los. Ihr damaliger Partner, Ariel Kalma, machte sich an fast alle verfügbaren Shaktis in der Kommune heran und es gab Eifersuchts-Szenen ohne Ende. Margot selber fand Gefallen an meinem Liebhaber – der Reigen war unendlich, so schien es. In den riesigen Tantra-Gruppen waren wir oft sehr viele Assistenten und Assistentinnen, manche hatten gar keine Funktion – sie waren einfach nur Lover von irgendeinem anderen Assi!

Dann aber kam das Jahr 1983 und mit ihm AIDS. Von da ab änderte sich vieles schlagartig. Kein Massengefummel mehr nach der Kundalini. Die monogamen Pärchen – inzwischen gehörte ich zu so einem – durften sich im Büro der Ashram-Verwaltung Kondome und Gummihandschuhe geben lassen. Wir sollten sogar mit Gummihandschuhen streicheln. Nach einer Weile waren sogar Zungenküsse verboten, was den Umsatz von Schokolade in Oregon um 150 % steigen liess. Das ganze Klima wurde immer angespannter, Monogamie sei eben einfach gesünder und nicht so gefährlich. Ausserdem seien wir doch eher Meditierende – nicht wahr? Wir entdeckten mehr und mehr die geistigen Qualitäten des Tantra, hatten weniger Partner oder Partnerinnen, arbeiteten bis zum Umfallen, hundert Stunden die Woche waren keine Seltenheit – da kommt man nicht auf dumme Gedanken!

Und Osho schwieg und schwieg...

Das Trauma, machtmissbraucht worden zu sein

Tonnenweise wurde Sakrotan zur Desinfektion angewendet in Toiletten und Bidets, das schreckliche «deep cleaning» wurde erfunden und, was das Schlimmste war: Sheela Birnstiehl verwandelte unser Mekka Oregon nach und nach in eine faschistisch regierte Kommune. Es wurde immer unheimlicher, wir wurden sogar getrimmt, keine kritischen Gedanken mehr zu haben! Ich erinnere mich, bei einem Morgen-Meeting gesagt zu haben: «Da halte ich es mit Schiller. Die Gedanken sind frei!»

Ich weiss noch, wie ich bei einem der letzten Festivals in Oregon locker in den hinteren Rängen mit einem Lover herumlag, als Sheela kam und ich die Worte hörte «Cosmic Control»! Ich war sofort hellwach und sagte zu meinem Lover: «Weisst du, es gibt Cosmic Harmony, vielleicht sogar Cosmic Order – aber Cosmic Control? Hier ist etwas faul!»

Die Zeit danach war schrecklich in vielfacher Hinsicht. Unsere Kommune wurde von Sheela aufgelöst. Von damals vierzig Rajneesh-Communes in Deutschland blieben acht bis zehn übrig nach ihren Säuberungen. In unserem Fall war «zuviel Individualismus» der Grund.

Wir wurden auf alle möglichen Kommunen in Deutschland aufgeteilt. Ich kam nach Berlin.

Dort hielt ich es nicht lange aus. Ein mörderisches Arbeitsprogramm, ausbeuterisch und unmenschlich, sollte uns anpassen. Ich wurde immer giftiger und zynischer, bis ich begreifen musste, dass die Zeit in der Kommune vorbei war für mich – bis heute sitzt diese Verletzung meines Idealismus tief in meinem Herzen. Viele wandten sich von der Sannyas-Bewegung ab. Manche sind daran zerbrochen, und niemand hat wieder etwas von ihnen gehört.

Vor einigen Wochen trommelte unser alter Ashram-Leiter, Siddharta, inzwischen in Thüringen ansässig, wo er mit einem kleinen Häuflein Unentwegter weitermacht, soviel von den alten Rajneesh-Städtern zusammen, wie nur möglich war. Ungefähr dreissig kamen von den Hundert. Wir hatten ein Meeting, bei dem wir alle geweint haben und getrauert – damals war nämlich dafür keine Zeit gewesen. Zwanzig Jahre waren vergangen, unsere Tränen aber sehr frisch. Unter dem Strich waren wir uns einig: Im Schloss haben wir gearbeitet, viel und gern, es lief zwar nicht alles richtig – aber wir hatten immer das Gefühl, wir würden für uns arbeiten. Und wenn etwas nicht richtig lief, dann liess es sich ändern. Wir hatten das Gefühl, eine «Family» zu sein. Doch nachdem Sheela uns wegen «zuviel Individualismus» in der Mangel hatte, machte sich bei jedem von uns das Gefühl breit, Teil einer anonymen Maschinerie zu sein. Die meisten sind auch nie wieder, so wie ich, in irgendeine andere Gemeinschaft gezogen. Natürlich war es auch unsere Verantwortung, dass Sheela das mit uns machen konnte. Andere Gemeinschaften haben das Gewitter ihrer Säuberungen überstanden.

Ich, noch immer Schülerin von Adorno, stemmte mich gegen das, was lief und durfte mir dafür in endlosen Variationen anhören, wie negativ mein «mind» sei, wie fett mein Ego und wie ohne Hingabe an den Meister meine Seele!

Was geblieben ist? Lebenslange Hingabe an das Thema Tantra, ein Supertraining in Arbeitsdisziplin und viele Begegnungen mit allen legendären Gruppenleitern und Gruppenleiterinnen der Sannyas-Szene: Teertha, heute Paul Lowe, hat mir damals in Oregon Sannyas gegeben, bei fast allen habe ich einmal assistiert. Entweder in Oregon oder zu Hause, in der Kommune. Dadurch habe ich Seminarleitung von der Pike und in jeder Rolle und unter jedem Aspekt gelernt – auch jenseits von Tantra. Dafür bin ich dankbar. Inzwischen habe ich meine eigene Tantra-Schule gegründet, meinen Stil gefunden, mich durchgesetzt auf dem freien Markt. Margot habe ich seit 1987 nicht mehr gesehen – ich habe gehört, SkyDancing würde heute keine Vereinigungsrituale mehr anbieten. Viele der alten Grössen haben ihren bürgerlichen Namen wieder angenommen, wollen sich nicht mehr zu erkennen geben. Was mich stolz macht ist, dass viele Tantriker und Tantrikerinnen, die in der Kommune waren, auch alleine gross geworden sind: Gabrielle St. Clair und Michael Michael Plesse mit Orgoville, Kutira gründete auf Hawaii das Oceanic Tantra Institute, Rahasya Dr. Fritjof Kraft und Nura Anette Mueller blieben lange in Poona, leiten in ganz Europa Gruppen und Trecks im Himalaya, Margot ist einfach sie selbst geblieben und macht immer weiter, ich bin meinen Weg gegangen. Was für ein Potential da versammelt war!

Aber das Trauma, mit all dem Idealismus und der Opferbereitschaft, die da waren, machtmissbraucht worden zu sein – das ist immer noch da, für mich und die, die ich habe weinen sehen. Was mir geblieben ist, ist eine lebenslange Wachheit für ein Phänomen, das mir damals noch gar nicht bekannt war: spiritueller Faschismus. Diese Wachheit ist schmerzlich – dennoch wollte ich sie nie eintauschen gegen eine falsche Idylle.

Das grösste Rätsel war für mich damals, wie sich Konformismus einschleichen konnte bei denen, die dem Konformismus der Gesellschaft abgeschworen hatten. Etwas, das ich bei allen Aussenseitergruppen beobachtet habe, die eine Abkehr davon auf ihre Fahnen geschrieben hatten, auch bei den Linken und den Hippies. Warum nur, so grüble ich oft, hat der Mensch so eine Sehnsucht danach, in erstarrten Denkmustern stecken zu bleiben? Anstelle der alten Ideologie einfach eine neue zu setzen, nur, um nicht mehr nachdenken zu müssen? Was ist so schlimm daran, wach zu bleiben, lebendig immer wieder neu zu denken, zu leben, zu gestalten? Warum macht das Neue immer Angst und erweckt nicht Neugier, sogar Lust darauf?

Es ist wunderbar, ein Individuum zu sein. Der Preis ist Wachsein! Der Lohn ist ein Leben, das unverwechselbar ist.

Erschienen in YABYUM Nr. 10, Dezember 2003.

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