Neugierig geworden durch zwei ähnliche, jedoch nicht identische Texte machte sich TANTRA-Redaktorin Regula Schenkel daran, dieser Verschiedenheit auf den Grund zu gehen. Und sie entdeckte nicht nur einen der bedeutendsten Texte der Tantra-Literatur, sondern auch einen heimlichen Bestseller.

Am Anfang war ein schmales Büchlein, "Tantra der Befreiung", der Titel irritiert: Die beiden Begriffe scheinen für Nicht-Eingeweihte nicht zusammenzupassen. Tantra, mehr der privaten, der individuellen Sphäre zugeordnet, und Befreiung, auf politische Verhältnisse zielend. Doch das Büchlein liegt wunderschön in den Händen. Im schlicht gestalteten Umschlag kommt Innerlichkeit zum Ausdruck. Wendung nach innen, zum Ursprung hin, ist denn auch Thema und Ziel der abgedruckten Verse. Die Einleitung und den Kommentar am Schluss überfliege ich pflichtgemäss, dann nehmen mich die ersten zwei Verse gefangen. Wunderschön klingen sie, die Sprache erinnert an Sprüche barocker Mystiker wie die eines Andreas Schefflers, be-kannter unter dem Namen Angelus Silesius. Die Verse ziehen mich an und doch entziehen sie sich meinem Verstand. Sie bezeichnen eine Erfahrung, die ich mir dunkel vorstellen kann, mir in der beschriebenen Form jedoch noch nie widerfahren ist. Ich lege das Büchlein weg im Wissen, dass es jederzeit wieder greifbar ist. Tatsächlich nehme ich es hin und wieder hervor, um in einem Seminar den ersten oder den zweiten Vers vorzulesen.

Als mir der Text unter dem Sanskrit-Titel "Vijnana Bhairava Tantra" in Daniel Odiers Buch "Tantra, Eintauchen in die absoute Liebe" wieder begegnete, erwachte meine Neugier und ich begann, Puzzlestück um Puzzlestück zusammenzutragen.

Der Text und seine Übersetzungen

"Vijnana Bhairava Tantra", hinter diesem wohlklingenden Namen, für deutsche Zungen anfangs ungewohnt auszusprechen, steckt ein uralter tantrischer Text. Im Herzen Asiens ist er entstanden und soll über 6000 Jahre alt sein. Er wurde während Jahrtausenden mündlich überliefert, vom Meister oder von der Meisterin direkt der Schülerin, dem Schüler weitergegeben. Er überdauerte die Überflutung der drawidischen Kultur durch die arischen Stämme um 2000 vor unserer Zeitrechnung, er überstand die arabische Invasion im 12. Jahrhundert und auch die britische Kolonisation der letzten Jahrhunderte. Schriftlich bezeugt ist er seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung durch den shivaitischen Meister und Gelehrten Abhinavagupta.

In jüngster Zeit findet dieser Urtext seine Verbreitung auch bei uns. Vermutlich wurde er zum ersten Mal 1955 in der amerikanischen Zeitschrift "Gentry" veröffentlicht, in der Übertragung des Poeten, Kalligraphen und Asien-Reisenden Paul Reps. 1957 gab er ihn als Kapitel "Centering" zusammen mit Zen-Texten im Buch "Zen Flesh, Zen Bone" heraus. Das Buch ist noch heute erhältlich. Ins Deutsche übersetzt von der Publizistin und Atem-Therapeutin Ulli Olvedi erschien es 1976 unter dem Titel "Ohne Worte - ohne Schweigen" - es wurde 1995 in der 10. Auflage ge-druckt. Inzwischen ist Paul Reps Version des "Vijnana Bhairava Tantra" auch im Internet zu finden, auf der Page eines Website-Rings namens "Channel 93".

1961 kam der Text in Frankreich heraus, die Indologin Lilian Silburn hatte ihn übersetzt. Unter dem Titel "Nirvana-Tao. Techniques et Méditation" erschien 1974 in der Übersetzung des Schriftstellers Daniel Odier eine weitere Version. 1986 wurde diese Fassung auf Englisch veröffentlicht, die dieses Jahr neu aufgelegt werden soll.

1975 kam "The Book of Secrets" heraus. Es enthält neben dem "Vijnana Bhairava Tantra" Kommentare zum Text von Osho, dem Vater des westlichen Tantra. Das ursprünglich fünfbändige Werk wurde in 25 Sprachen übersetzt und im Laufe der Zeit wurden mehrere 100 000 Exemplare abgesetzt. Im Frühjahr 1998 erschien eine englische Neuauflage, die alle Bände in einem Buch von 1200 Seiten vereint. Zur gleichen Zeit erschien der Band 1 der ersten deutschen Gesamtausgabe.

1979 kam in Indien vom Gelehrten Jaideva Singh eine Ausgabe in Sanskrit und Englisch heraus, mit Reprints 1981, 1991, 1993 und 1998. 1991 wurde diese Übersetzung auch in New York publiziert. 1996 hat Mike Magee, Spezialist in Hindu-Tantra, Singhs Version zusammengefasst, und in dieser Form ist sie auf der Website "Hindu Tantrik Home Page" zu lesen.

1994 erschien "Das Tantra der Befreiung" in der Übersetzung der Yoga-Lehrerin Wilhelmine Keyserling.

Betrachte eine Schale, ohne die Ränder oder das Material zu sehen. In wenigen Augenblicken werde gewahr.

Paul Reps 

Dieses Jahr nun publizierte Daniel Odier in Frankreich mit "Tantra Yoga. Le tantra de la ‹connaissance suprême›" eine Version, die seit längerer Zeit schon auf seiner Homepage im Internet zugänglich ist.

Auch wenn die verschiedenen Fassungen und die Form, in der sie publiziert werden, sich erheblich voneinander unterscheiden, mit Ausnahme von "Nirvana Tao" lassen sich alle zu einem Punkt zurückverfolgen: Sie entstammen der Tradition des kaschmirischen Shivaismus. Ausgangspunkt für Oshos Erläuterungen in "The Book of Secrets" bildet die Übersetzung von Paul Reps. Dieser hatte die Übersetzung von Lakshman Joo, einem indischen Weisen, weiterbearbeitet. Wilhelmine Keyserling hatte Lilians Silburns Version ins Deutsche übertragen. Die französische Indologin war ebenfalls im Ashram von Lakshman Joo und soll von ihm einige Texte erhalten haben. Auch Jaideva Singh war Schüler dieses 1895 geborenen und 1991 gestorbenen Weisen von Ishaber.

Daniel Odier, der erfolgreiche Romanautor und Begründer des Tantra-Chan-Zentrums in Paris, hingegen erschliesst mit seiner zweiten Version einen Text, der ihm seine tantrische Meisterin Devi direkt mündlich übertragen hat. Auch sie gehört zur Schule des kaschmirischen Shivaismus und kannte noch ganz in oraler Tradition stehend den Text auswendig.

Kernstück des Textes bilden rund 112 Verse, die je nach Ausgabe auch Slokas oder Sutras genannt werden. Sie sind eingebettet in einen 24 Verse umfassenden Dialog von Shiva und Shakti, Bhairava und Bhairavi, die, wie es bei Daniel Odier heisst, die Ununterschiedenheit verliessen, um mit ihrem Gespräch den Lebewesen Erleuchtung zu bringen.

Die Anzahl der Verse kann von Fassung zu Fassung etwas differieren. Auch im Stil unterscheiden sich die Übersetzungen. Manchmal hat sich die Bedeutung oder die Akzentuierung verschoben und nicht in allen Fassungen erscheint der Dialog als Rahmen für die Verse.

Jeder einzelne Vers beinhaltet die Anleitung zu einer "dharana", einer Meditations-Weise. In wenigen Worten werden unterschiedlichste Möglichkeiten beschrieben, die Aufmerksamkeit voll und bewusst auf etwas zu richten, um innezuhalten, um, in den Worten von Arnold Keyserling, "vom Bewusstsein zum Gewahrsein" zu gelangen. Jedes Ding, jede Empfindung, alles Denken, kann in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden. Alles kann als Mittel dienen, um Räume, Zwischenräume, Lücken oder Spalten im Alltagsbewusstsein zu entdecken. Sie sind das Tor zum Zustand eines "bhairava", einer "bhairavi". Daniel Odier nennt ihn "höchstes Bewusstsein", und Osho den "Zustand jenseits des Bewusstseins", jenseits der Dualität, Wilhelmine Keyserling übersetzt "bhairava" mit "Urlicht" und "bhairavi" mit "Urkraft".

Wer die in den Versen beispielhaft dargelegte, grundlegende Technik erfasst hat, kann sie übertragen in seine Umwelt und so vielleicht einen Blick erhaschen auf das, was hinter oder in allem steckt, oder möglicherweise zurückfinden in die Alleinheit und befreit werden aus der Dualität.

Ein ausserordentliches Werk

Wie sich in folgenden Aussagen zeigt, übt der Text eine aussergewöhnliche Faszination aus. Die Frage, welche Bedeutung das "Vijnana Bhairava" habe, beantwortete Daniel Odier mir in einem E-Mail mit: "It is the most complete text on tantric yoga (Von den Texten über Tantra Yoga ist es derjenige, der am vollständigsten ist.)". In seinem Buch tönt es einiges enthusiasitischer: "Ce texte est probablement la somme la plus extraordinaire de moyens yoguiques jamais réunie. Aucun texte ultérieur, dans aucune école, n'offre au yogin un éventail aussi varié." ("Dies ist wahrscheinlich die ausserordentlichste Sammlung an Yoga-Techniken, die je zusammengestellt wurde. Kein anderer Text, in keiner Schule, bietet dem Yogi einen so vielfältigen Querschnitt.")

Von Simant vom Osho Verlag in Köln kam die Antwort: "Ich habe die früheren fünf Bände auf englisch gelesen und da war mir klar, dass es kein umfassenderes Werk über Meditation geben kann. Nachdem Oshos Kern-Message Meditation ist, ist es mir als das wichtigste Werk Oshos überhaupt erschienen." Wie Wilhelmine Keyserling in ihrer Einleitung schreibt, übersetzte sie den Text zuerst nur für sich, weil sie ihn zur Gänze verstehen wollte, bis sie "mit wachsender Begeisterung die unglaubliche Vielfalt, die Kraft und Tiefe der Aussagen entdeckt ...", da wurde ihr klar, "dass dieser Text allen bekannten und unbekannten Freunden, allen Yoga-Anhängern und allen im Sanskrit-Text Aufgezählten auch in deutscher Sprache zugänglich gemacht werden sollte."

Regarde un bol ou récipient sans en voir les côtés ou la matière. En peu de temps, prends conscience de l'espace.

Daniel Odier 

Selbst die kühle Sprache des Wissenschafters beschreibt die Bedeutung des "Vijnana Bhairava Tantra" mit einem Superlativ: Sie gründe in der "ausgezeichneten Darstellung des ‹yogaja marga›, des Yoga-Weges", dessen Ziel "die Integration des individuellen mit dem universellen Selbst, mit Bhairava, ist, sowie die Erkenntnis, dass sich im Universum die spirituelle Energie, Seine Shakti, manifestiert", sagt Jaideva Singh in der Einleitung zu seiner Übersetzung. André Padoux, Indologe und "Directeur de Recherche Honoraire" am "Centre Nationale de la Recherche Scientifique CNRS" in Paris beantwortet die Anfrage persönlich. In seiner Einschätzung gehört das "Vijnana Bhairava Tantra" zu den bedeutendsten Texten der Tantra-Literatur shivaistischer Tradition.

Erstaunlich, dass dieser hochangesehene und tausendfach verbreitete und so leicht erhältliche Text in der Neo-Tantra-Szene kaum bekannt ist. Wohl werden in Seminaren Übungen daraus in abgewandelter und angepasster Form praktiziert, vermutlich wirkte Osho als Vermittler, doch deren Ursprung bleibt im Dunkeln. Es kann sich kein Bewusstsein der Tradition aufbauen, das zu ihrer Anerkennung führt. Doch gerade auf diesen Punkt legten die alten Lehrer und Meisterinnen wert, so heisst es in den letzten Versen, die das Zielpublikum des Textes und seiner Lehren umreissen - in der Übersetzung von Wilhelmine Keyserling: "... den nach Einung Strebenden … und allen, die die Folge der Meister achten ... ist er in seiner Gänze zu enthüllen."

Ein anderer Aspekt ist Daniel Odier bei der Beschäftigung mit dem Text wichtig. Er schreibt in seinen Ausführungen zum kaschmirischen Shivaismus: "Den Text nur gerade zu lesen, mag wunderbar und bereichernd sein, doch geht der einfachen Lektüre die Erkenntniskraft ab, die eine Übertragung zu geben vermag."

Die verschiedenen Ausgaben

Das Angebot reicht vom schmalen 80-seitigen Bändchen bis zum ersten gut 400 Seiten umfassenden Band einer geplanten fünfteiligen Ausgabe. In der Art der Übersetzung, der Einleitung und in den Kommentaren oder weiteren Ausführungen spiegeln sich die mit dem Text verbundenen Absichten und die spirituell-philosophische Ausrichtung von Übersetzerin, Kommentator oder Herausgeber. Je nach Ausgabe setzen sie mehr oder weniger Vorwissen bei der Leserschaft voraus.

Auf die Mitte zu

Kaum jemand wird im Paul Reps Buch "Ohne Worte - ohne Schweigen. 101 Zen-Geschichten und andere Zen-Texte aus vier Jahrtausenden" einen der wichtigsten Texte der Tantra-Literatur vermuten. Auch im Vorwort findet sich kein Hinweis auf dessen Bedeutung als Tantra-Text. Die einleitenden Worte zum Text selber sind knapp gehalten, sie erzählen, wie der Übersetzer die wunderschön gelegene Klause von Lakshman Joo besuchte und den Text vom indischen Weisen erhalten hat - in der deutschen Übersetzung ist dieser Umstand nicht ganz klar ausgedrückt. Im Vorwort wird zudem in wenigen Sätzen Form, Sinn und Zweck der Verse umrissen.

Paul Reps, bewandert und beheimatet in der Welt des Zen, scheint darauf zu vertrauen, dass die Anweisungen für sich selbst sprechen oder dass das interessierte Publikum, um sie anzuwenden, das notwendige Wissen mitbringt. Er gibt nur zu bedenken, dass die Anwendung in der Praxis einer "fortdauernden Widmung bedürfe".

Der einführende Dialog zwischen Shakti und Shiva, der die Absichten des Textes ausführen sollte, ist verkürzt. Er enthält nur noch Devis Fragen nach der höchsten, nach Shivas Wirklichkeit und deren Formen sowie die Bitte, ihre Zweifel zu klären. Shiva entspricht der Bitte nur indirekt, indem er im Hauptteil die 112 "dharanas" darlegt.

Richte stetiges Betrachten
auf ein Gefäss
und lösche dann die Hülle, die umfasst,
allein der Leere innewerdend.
Mit Ihm bist Du geeint.

Wilhelmine Kaiserling 

Die Verse sind lakonisch gehalten. Einige enden in irritierender Weise. Mitten im Satz setzt der Vers aus und Leser und Leserin müssen die schwebende Leerstelle selber füllen. Im gesamten wirkt der Text verhalten, kein Funke springt über und regt an, sich den Anweisungen immer wieder zu widmen.

Tantra der Befreiung

In diesem 80-seitigen Bändchen von Wilhelmine Keyserling sind die 112 Verse ganz klar in den Mittelpunkt ge-rückt. Die Sprache ist hoch verdichtet. Manchmal erschliesst sich die Bedeutung aufs erste Lesen, manchmal lässt sie sich empfinden oder nur erahnen. Oft scheinen die Sprüche eher Musik oder besser Mantras zu sein. Einige sind für den Verstand gar unfassbar, sie setzen die Erfahrung von Eingeweihten voraus. Das Büchlein ist denn auch in der Reihe "Klassiker der Esoterik" herausgekommen. Es wendet sich also explizit an Leute, die in Meditation und/oder Yoga geübt sind und auch mit dem entsprechenden Hintergrundwissen vertraut sind oder an Leute, die sich nicht scheuen, sich nach und nach das Notwendige zu erarbeiten.

In dieser Ausgabe sind die Verse in zwei Teile gegliedert, in "Urkraft" und "Urlicht", den Begriffen, mit denen Wilhelmine Keyserling die Aspekte Shivas "bhairavi" und "bhairava" übersetzt, an anderer Stelle werden sie auch mit dem vertrauteren Shakti und Shiva bezeichnet. Jeder Teil besteht aus sieben kurzen Kapiteln mit je acht Sprüchen. Die Überschriften zu den einzeln Gruppen - "Atem", "Betrachtung", "Gewahrsein", "Friede", "Auflösung", "Freude", "Fülle" einerseits und "Werden", "Wer bin ich", "Durchschauen", "Enthaftung", "Erleuchtung", "Einung" andererseits, erleichtern die Orientierung und geben Hinweise, worauf die Übungen zielen.

Der umrahmende Dialog zwischen Devi und Shiva wurde ersetzt durch eine kurze, rund fünfseitige unserer Zeit gemässen Einleitung und einen etwas ausführlicheren Kommentar am Schluss. In der Einleitung werden die wichtigsten Begriffe erklärt, der Zweck der Verse und die Absichten der Übersetzerin werden erläutert und der Adressatenkreis wird näher bestimmt. Zur Illustration werden an dieser Stelle einige Verse aus dem Rahmengespräch zitiert, die im ursprünglichen Text jedoch nicht, wie erwähnt der Einführung dienen, sondern den Text beschliessen. Im Kommentar erörtert Arnold Keyserling - Ehemann der Übersetzerin, Autor mehrerer Bücher zu spirituell-philosphischen, esoterischen Themen und Professor für Religionsphilosophie - die Bedeutung des "Vijnana Bhairava Tantra" in der heutigen Zeit. Er ordnet es im Blick auf die verschiedenen Weltreligionen ein und zeigt, dass die Erkenntnisse aus alter Zeit, auf denen der Text basiert, sich von den zentralen Wissenschaften der modernen Zeit bestätigen lassen.

Tantra Yoga. Le Tantra de la connaissance suprême

In Daniel Odiers Ausgabe kommt Respekt gegenüber dem Urtext zum Ausdruck, die Verehrung seiner tantrischen Meisterin gegenüber und sein Engagement, die Tradition des kaschmirischen Shivaismus fortzuführen. Im ersten Teil können die Verse - eingeführt und beschlossen durch ausführliche Rede und Gegenrede von Shiva und Shakti - ohne erläuterndes Beiwerk unmittelbar auf den Leser und die Leserin einwirken.

Im zweiten Teil zeigt sich das profunde Wissen des Autors zur Geschichte des traditionellen Tantra, im Speziellen zum kaschmirischen Shivaismus, dessen Literatur und den Formen, in denen er weitergegeben wird. Die Ausführungen lesen sich angenehm. Dabei eröffnet sich ein Verständ-nis dessen, was im ursprünglichen Tantra vermittelt, gelernt und erfahren werden kann.

A yogi should cast his eyes in the empty space inside a jar or any other object leaving aside the enclosing partitions. His mind will in an instant get absorbed in the empty space (inside the jar). When his mind is absorbed in that empty space, he should imagine that his mind is absorbed in a total void. He will then realize his identification with the Supreme.

Jaideva Sing 

Im dritten Teil werden die Verse neu gruppiert. In dieser Weise systematisiert leiten sie zu unterschiedlichen YogaPraktiken an, die Odier zusätzlich noch erläutert. Sie beinhalten nicht in erster Linie Körperübungen, wie bei uns üblicherweise unter Yoga verstanden wird, sondern es sind Übungen zur Konzentration und zum Präsentsein. Diese führen den Schüler oder die Schülerin schliesslich, begleitet vom Lehrer oder der Meisterin, aus der Dualität in die absolute Realität. Fast jeder Vers in diesem Teil ist begleitet von einem Kommentar des Autors, der dessen Erfahrungen und Einsichten spiegelt auf dem Weg zum Absoluten. Ein Vergnügen, vor allem auch für diejenigen, die schon das Buch Odiers "Tantra. Eintauchen in die absolute Liebe" gelesen haben.

Das Buch der Geheimnisse

Umfangreich kommt dieses Buch daher, satte 430 Seiten umfasst der erste, bereits erschienene Band der fünfteiligen deutschen Ausgabe von Oshos Ausführungen zum "Vigyan Bhairava Tantra". Die Bezeichnung in diesem Zusammenhang ist für Laien verwirrend, doch sie lässt sich einfach erklären: Es handelt sich um eine andere Aussprache von "Vijnana Bhairava Tantra".

In den Jahren 1974 und 1975 hielt Osho "lectures" zu diesem "allerältesten und doch modernsten, neuesten" Buch. In jener Zeit strömten immer mehr Menschen aus dem Westen, aus aller Welt nach dem südindischen Poona, um Bhagwan Shree Rajneesh, wie er damals genannt wurde, zu hören. Die Vorträge wurden auf Band aufgenommen und die Niederschriften veröffentlicht und in zahlreiche Sprachen übersetzt, um sie möglichst vielen Leuten zugänglich zu machen. So ist zu verstehen, dass Oshos Auslegungen, Kommentare und die Beantwortung von Fragen aus dem Publikum im Vordergrund standen und nicht der ursprüngliche Text des "Vijnana Bhairava Tantra". Die Reihenfolge beispielsweise, in der die Verse erläutert werden, ist neu zusammengestellt und nicht immer scheint sie logisch. Osho versteht es jedoch, die in der Übersetzung von Paul Reps knapp gefassten Verse, eingängig und einleuchtend, manchmal etwas weitschweifend, verständlich zu machen. Seine "talks" sind den Menschen aus den westlichen Kulturen angemessen, er holt sie in ihrem Allgemeinwissen immer wieder ab und setzt keine tantrisch-philosophischen Kenntnisse voraus. Seine Gewandheit in der Rede liest sich auch gedruckt leicht. Für alle am "Vijnana Bhairava Tantra" interessierten Menschen bietet sich eine Fülle an Material, die Bände jedoch dürften durchaus schlanker sein.

Vijnanabhairava

Nicht alle Tage kommt ein verschnürtes und handschriftlich adressiertes, in festes braunes Papier gewickeltes Paket an. Ein bisschen Weihnachten mitten im Sommer. Gespannt schäle ich das erwartete Buch sorgsam aus den verschiedenen Schichten. Es riecht nach Indien oder bilde ich mir den herben Patchouli-Duft nur ein?

Kräftiges Rot springt in die Augen. Ein zartes Bild in vorwiegend Grün nimmt den Mittelteil des Covers ein. Eine lauschige Szene. Ein Paar erfreut sich am fliessenden Gewässer voller Lotosblüten an musikalischen und tänzerischen Darbietungen. Gazellen äsen auf den runden Hügeln im Hintergrund. Und windet sich nicht eine Schlange den Baum hinauf, der dem auf einem Tigerfell sitzenden Paar Schatten spendet?

Ehrfürchtig und neugierig zugleich öffne ich das Buch. Tatsächlich, es enthält Verse in dieser ornamentalen, nicht zu entziffernden Schrift, in Devanagari. Doch ist jeder Sanskrit-Vers auch in lateinischer Schrift - mit einiger An-strengung kann ich sie in dieser Form in Laute/Klang um-setzen, ohne sie jedoch zu verstehen - und in englischer Übersetzung abgedruckt.

Der Autor und Übersetzer Jaideva Singh arbeitet wissenschaftlich genau. Im Vorwort gibt er Swami Lakshman Joo als Quelle des Textes an. In der Einleitung schreibt er zur Wichtigkeit, zur Datierung des "Vijnana Bhairava" und dessen frühen Rezeptionsgeschichte. Er entschlüsselt die Bedeutung des Titels und vermittelt Leser und Leserinnen das nötige Vorwissen, in dem er die Grundbegriffe der "dharanas" erläutert bzw. auf ein anderes Werk verweist, in dem diese dargestellt sind. In ähnlicher Weise werden die Verse vorgestellt, übersetzt und mit Anmerkungen versehen, die beispielsweise einen zentralen Begriff aufnehmen, ihn genauer umreissen, ergänzende Textstellen aufführen oder andere Interpretationen beifügen. Das Lesen wird zur Knochenarbeit, die ein Vor- und Zurückblättern erfordert, Querverbindungen müssen geschaffen werden. Stück für Stück, Vers für Vers. Doch eine neue Dimension eröffnet sich, die Ahnenreihe wird deutlich spürbar.

Tantra pur

Was mit einem dünnen Faden begonnen hatte, der sich einige Jahre später mit einem zweiten Faden kreuzte, wuchs sich aus zu einem weltumspannenden Geflecht. Und inwendig dehnte sich merklich, fast sinnlich spürbar das Verständnis nach allen Seiten aus. Es war, als tasteten sich Nervenenden in neue, unerschlossene Bereiche vor. Nach und nach fanden sie Halt an Enden, die aus anderer Richtung vorstiessen. Mit der Zeit formte sich eine lose, vernetzte Struktur. Mit Zwischenräumen - Raum für konkrete und metaphysische Erfahrungen.

Tantra der Befreiung. Vijnana Bhairava Tantra. Übersetzt von Wilhelmine Keyserling. Bruno Martin, Südergellersen 1994.

Osho: Das Buch der Geheimnisse. Diskurse zum Vigyan Bhairav Tantra. Band 1. Osho Verlag, Köln 1998. Englische Ausgabe: Osho: The Book of Secrets. St. Martin's Press, New York 1998.

Daniel Odier: Tantra Yoga. Le tantra de la "connaissance suprême". Albin Michel, Paris 1998.

Jaideva Singh: Vijnanabhairava or Divine Consciousness. A Treasury of 112 types of Yoga. Motilal Banarsidass, Delhi 1998.

Paul Reps: Auf die Mitte zu. in: Ohne Worte - ohne Schweigen. 101 Zen-Geschichten und andere Zen-Texte aus vier Jahrtausenden. Scherz, München 1995.

Erschienen in TANTRA Nr. 10, August 1998.

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